Hey Sunny sind ein Singer/Songwriter-Duo aus München. Vor zehn Jahren starteten sie mit Straßenmusik in Australien – jetzt spielen sie ihre Musik als Hauptberuf. Sie heben sich von anderen jungen Musikschaffenden dadurch ab, dass sie Kunst und Lebensunterhalt vereinen können – weder machen sie Abstriche und kommerzialisieren ihren Sound, noch leben sie ohne tragfähigen Zukunftsplan. Im Interview erklären sie, wie dieser Spagat funktioniert und wie man die Inspiration als treibende Kraft nicht verliert, wenn die Kunst zum Alltag wird. Sie schildern auch den Weg, der sie vom Busking zum erfolgreichen Social-Media-Auftritt geführt hat. Sogar einen Blick hinter die Kulissen ihres Business erlauben sie durch die Aufgliederung ihrer Einnahmequellen. Das Gespräch fand in einer lauen Sommernacht am See statt, und die Geschäftsleute Susanna „Sunny“ Sallinger und Martin Volkert wirkten in dem Setting fast wie studentische Flaneure.
Interview: Michael Erle
Sunny und Martin, ihr habt etwas geschafft, wovon viele Musikschaffende träumen: Ihr lebt von eurer Musik, und das schon in jungen Jahren. Wie sieht das aus? Was habt ihr zum Beispiel heute gemacht?
Martin: Wir haben unseren Campervan umgebaut. Den haben wir vor einer Weile gekauft, um perspektivisch betrachtet damit zu touren.
Und wie habt ihr bisher getourt?
Martin: Mit einem normalen Auto.
Sunny: Und das ist unpraktisch, weil es oft doch weiter weg geht. Was ja voll schön ist. Aber wir wollen ein Lebensgefühl draus machen. Wir sind jung, wir sind ungebunden. Das ermöglicht uns so vieles, zum Beispiel dass wir nicht nur zu den Konzerten fahren, sondern auch ein bisschen dortbleiben und die Gegend angucken. Und wir sind damit unabhängig davon, ob Veranstalter Unterkünfte mit anbieten oder nicht.
Martin: Das ist auch ein Vorteil beim Thema Straßenmusik. Davon wollen wir wieder mehr machen. Hier in München ist es ja nicht einfach. Du kannst nur ohne Equipment spielen. Wenn du dann in der Kaufinger Straße stehst und spielst, hört man dich halt nicht. Wir haben in Australien mit Straßenmusik angefangen. Der Plan ist: Man fährt im Campervan durch die Gegend, dann ist man in Köln, baut da mal auf und spielt Straßenmusik. Ist auch wieder eine Einnahmequelle, wenn man so will.
Wie verdient ihr denn Geld? Wie ist euer Umsatz aufgegliedert zwischen den einzelnen Sparten?
Martin: 70 Prozent Musik, 30 Prozent Nebenprodukte wie Social Media, Songwriting. Bei der Musik gibt es dann noch mal eine Aufteilung von 65 Prozent Cover und Eventmusik wie Hochzeiten sowie 35 Prozent eigene Musik.
Eine grundsätzliche Frage zur Musik, die ihr macht. Habt ihr ein Auge auf den finanziellen beziehungsweise den wirtschaftlichen Aspekt und sagt: Wir können deswegen nicht zu weit in die eine oder andere Richtung gehen, auch wenn wir das aus künstlerischer Sicht gerne machen würden?
Martin: Nein, gar nicht. Null. Wir könnten Schlager machen und würden damit sehr viel Geld verdienen, da bin ich mir sicher.
„Wir machen genau das, was wir machen wollen. Zu hundert Prozent.“
Sunny: Wir machen genau das, was wir machen wollen. Zu hundert Prozent. Das ist uns auch wichtig. „Dreamy Folk“ mit den Instrumenten, die wir spielen. Ich glaube, das würde gar nicht anders funktionieren, weil wir von dieser Authentizität leben und davon, dass uns der Bühnenauftritt einfach Spaß macht. Wir wollen noch weiter in die eigene Musikrichtung gehen. Die Konzerte sind hauptsächlich in den Sommermonaten, weil da die Kulturszene boomt. Und weil wir uns auch häufig über die Wintermonate Zeit nehmen, um auf Reisen zu gehen – im Sommer machen wir das nicht, weil da Hauptsaison ist. Es ist natürlich anstrengend und Arbeit. Aber ich habe nicht das Bedürfnis, im Sommer zu fahren, weil unsere Arbeit mir so viel Spaß macht. Neben Livemusik ist eine unserer Einnahmequellen, dass wir Songs für andere Leute schreiben, für Privatpersonen, für Firmen. Das ist die Songwritingecke. Social Media ist eine weitere Einnahmequelle. Wir haben ein eigenes Produkt entwickelt, ein Buch geschrieben, das angehende Musikschaffende anspricht und das wir vertreiben. Wir sind also nicht nur auf Livemusik spezialisiert.
Wie verdient ihr Geld mit Social Media?
Martin: Wir haben doch ganz gute Zahlen auf Instagram und Tiktok. Darüber kommen Kooperationen zustande. Zum Beispiel bekommst du eine Gitarre geschenkt und gesagt: „Mach mal drei Videos und fünf Fotos damit, und die schickst du uns. Die dürfen wir benutzen, haben die Lizenzrechte daran und zahlen dir was dafür.“ Wir haben zum Beispiel mit Sony Music zusammengearbeitet, mit Ubisoft, also auch mit größeren Unternehmen, mit denen wir langfristige Kooperationen eingehen.
„Wir versuchen, noch viel mehr eigene Musik zu machen, weg von der Eventmusik.“
Sunny: Fokus ist aber immer die Musik. Wir machen keine Aktionen, bei denen wir sagen: „Wir haben hier übrigens diesen tollen neuen Armreif.“ Das macht für uns und die Plattform, die wir bieten, marketingtechnisch keinen Sinn. Unser Publikum liebt Musik oder hat irgendwas mit Musik zu tun. Deswegen liegt der Fokus wirklich auf der Musik. So soll es immer bleiben. Ist halt eine Nische. Aber dadurch, dass wir auch das eigene Buch vertreiben, geht über Social Media ganz viel.
Macht ihr Buchhaltung und Steuererklärung?
Martin: Ja, quartalsweise wird ja die Umsatzsteuer fällig. Also mache ich das selbst, pflege das ein und so weiter.
Wie viel Zeit kostet dich der ganze Bürokram?
Martin: Quartalsweise zehn Stunden. Es geht relativ gut, die Rechnungen sind ja alle digital heutzutage.
Hast du das Gefühl, dass das Finanzamt, die Behörden es euch schwer machen?
Martin: Wir haben seit den Anfängen eine Steuerberatung, wenn wir mal ein Problem haben. Ich mache eine Umsatzsteuervoranmeldung, die Buchhaltung selbst, um auch so ein bisschen zu wissen, was passiert, was nicht passiert, ob die Summen stimmen, die sie mir abbuchen wollen … Wir arbeiten da mit einem Programm, damit ist es relativ einfach. Aber klar könnte es noch viel leichter sein. Es ist ein pain in the ass, aber es gehört halt dazu.
Ist euer Geschäft dann darauf ausgelegt, dass ihr das tatsächlich auf absehbare Zeit einfach weiter macht?
Sunny: Musik ist unsere Leidenschaft. Sie ist aus einem Hobby entstanden, und glücklicherweise können wir damit ausreichend Geld verdienen. Grundsätzlich ist es schon drauf ausgelegt, dass es immer weiterwächst. Das funktioniert aktuell auch gerade ganz gut. Jetzt versuchen wir, noch viel mehr eigene Musik zu machen, weg von der Eventmusik. Aber wir haben auch einen Plan B: Wir studieren beide nebenher noch. Martin ist letztes Jahr fertig geworden.
Martin: Ich habe zwölf Semester Sportwissenschaften studiert. Bei Sunny sind es Gesundheitswissenschaften.
Sind Rente, Versicherungen, Krankenkasse und so alles mit einberechnet in eurem Business?
Sunny: Ja, muss ja.
Martin: Rente insofern nein, also, wir legen halt privat an, aber jetzt nicht im klassischen Sinne Rentenkasse oder so was.
Sunny: Ich bin noch studentisch krankenversichert.
Martin: Ich bin seit September 2024 bei der Künstlersozialkasse.
Wie viel Arbeit müsst ihr in Marketing, Promo und Akquise investieren?
Martin: Wenn man auf Festivals und so spielen will, dann heißt das halt Suchen, Bewerbung Schreiben. Schritt eins ist eine gute Website, ein gutes EPK [„Electronic Press Kit“; Anm. d. Verf.]. Das heißt auch gutes Videomaterial, gute Fotos. Alles möglichst einfach aufbereitet für den Booker. Der kriegt ja Tausende E-Mails für sein Festival, und wenn du dich dann durch die alle durchklicken musst, hast du da ja gar keine Lust drauf. Also muss eine Bewerbung ein einziger Link sein, auf den du klickst, und da steht alles Wichtige. Und man muss halt googeln, gucken, wo gibt es Livemusik, wo gibt es ein Festival. Gucken, ob das Genre passt, ob das zu der Richtung passt, in die man sich selber einordnen würde.
Sunny: Ich würde sagen, eine konstante Social-Media-Präsenz hilft enorm, aber das frisst auch die meiste Zeit.
Martin: Jeden Tag ein Video, das heißt fünf Videos die Woche. Wer es wirklich ernst meint, für den ist ein Video am Tag das Minimum. Kurzvideos. Für Insta, Tiktok. Auch Youtube-Videos sind sehr praktisch, dass du sagst, du coverst halt mal einen Song, um die Leute abzuholen: Wie klingt denn das, wenn jemand, den wir buchen, spielt. Wenn du jeden Tag postest und relevant bist, dann ist das die erste Referenz, wenn du dich bewirbst. Dann klickt der Booker halt mal auf deinen EPK. Wenn er aber sieht, dass man vor drei Monaten das letzte Mal gepostet hat, dann geht er davon aus, die Person meint das ja dann nicht so ernst. Das gehört mittlerweile dazu.
Sunny: Und das ist eben auch der Hauptteil an Marketing, das wir machen.
Martin: Wir erstellen gerade eine Excel-Tabelle mit allen Venues, die zu uns passen. Die kriegen dann regelmäßig mal ein: „Hey, wir würden gerne …“ Meistens ist es so, dass die Veranstalter, bei denen wir schon gespielt haben, uns anschreiben: „Hey, wir haben im Dezember ein Weihnachtsfestival. Habt Ihr Zeit und Lust da zu spielen?“
Sunny: Es gibt oft Veranstalter, die nicht nur ein Venue haben. Die sagen dann: „Okay du hast in diesem einen Venue gespielt, du warst gut, wir haben hier noch ein anderes. Da ist bald ein Event, zu dem eure Musik passt.“ Und dann sieht dich dort noch ein anderer Booker, und der sagt dann: „Oh, zu uns würde das auch gut passen.“ Das ist die Sache mit der Mundpropaganda. Bei uns ist es eigentlich immer so, dass sich aus einem Auftritt wieder etwas anderes ergibt. Das ist halt super. Einen Tipp hätte ich noch für die, die mit der Musik anfangen wollen: Wir sind zweimal im Jahr auf Hochzeitsmessen.
Martin: Genau, wenn man einsteigen möchte, Musik hauptberuflich zu machen – das hat uns sehr geholfen. Man bekommt Planungssicherheit, die man im Hinblick auf die eigene Musik so nicht hat. Die lässt sich nicht so weit im Voraus planen, Festivals mal ausgenommen. Andere Venues suchen jetzt für den nächsten Monat. Für die Entscheidung, dass wir uns ganz auf die Musik fokussieren und uns das finanziell erlauben können, waren Hochzeitsmessen ein guter erster Schritt. Dann hat man fixe Termine im Jahr, bei denen man weiß, da bekommt man Geld. Das Schwierige ist ja auch: Sei mal auf Knopfdruck kreativ, wenn du Probleme hast dein Essen zu bezahlen. Um das auszuschließen, war das der richtige Weg, in die Branche einzusteigen. Aber ich sehe es auch sehr positiv, dass wir jetzt sagen können: Okay, dieses Jahr machen wir es noch einmal, aber dann brauchen wir das nicht mehr.
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